Geldspende in Höhe von 5.000,00 € an den Förderverein Abendgymnasium Stuttgart


Im Abendgymnasium Stuttgart haben Menschen die Möglichkeit, den höchsten Schulabschluss in Deutschland, die allgemeine Hochschulreife (Abitur), neben der Berufstätigkeit nachzuholen.
Der Unterricht erfolgt in klassischen Abendkursen und am Wochenende. Viele Schüler haben ein unsicheres oder geringes Arbeitseinkommen, so dass Förderungen an besonders bedürftige und leistungsorientierte SchülerInnen vergeben werden. Zu zahlen sind die jährliche Schulgebühr, Schulbücher und Lernmittelkosten.
Der Förderverein Helfende Hände hat wieder für 5 Schüler die Förderung übernommen. In dem Betrag von 5.000,00 € sind auch die Kosten für eine Studienreise nach Auschwitz im September enthalten. Die Leiterin dieser Studienreise hat den besonderen Ausflug in einem sehr interessanten und ergreifenden Bericht geschildert (siehe ff.)

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„Wir dürfen ja wieder weg gehen“   von Auschwitz zurück

Wenn man von Auschwitz zurückkommt, ist es als ob man von einem fremden Planeten, in unsere Welt zurückkehrt. Auschwitz lehrt mich, dass dem Menschen alles möglich ist. Es gibt für sein Tun keine Grenze. In diesem Fall ist es eine Mischung aus perfekter Organisation, völliger Unberechenbarkeit und Willkür und der Addition von Grausamkeiten.

Wir (eine Studiengruppe der Abendgymnasien Stuttgart und Esslingen, insgesamt 23 Personen) haben das Lager an zwei Tagen besucht: am ersten Tag das Stammlager Auschwitz I und am zweiten Tag das Vernichtungslager Auschwitz II / Birkenau.

Ich habe mehrere andere Konzentrationslager und Gedenkstätten gesehen und doch war dies eine völlig neue Erfahrung, deren Reichweite ich immer noch zu erfassen versuche. Auf der einen Seite ist es das Ausmaß: ein riesiges Gelände und trotzdem überschaubar. Doch! Hier waren 90 000 Menschen untergebracht, man kennt ja die Bilder. In Holzbaracken, teilweise 700 Menschen, auf Strohballen, für vier Menschen eine Decke und man weiß: das ist hier geschehen. Eigentlich nie bisher ist mir der Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ in seiner beschwörenden Dringlichkeit so deutlich geworden. Familien: Männer wurden von ihren Frauen, Kinder von ihren Eltern  getrennt.  Man durfte nur zwei mal am Tag aufs Klo gehen, doch das war kein Klo, das waren Eimer, die in einer Reihe nebeneinander standen, keine Intimität, kein Klopapier, keine Seife, kein Kamm.

Es war Planung aus Menschen ein Tier zu machen, denn nach der Rassenideologie der Nazis waren Juden Ungeziefer, eher näher beim Tier als beim Menschen. Mit abrasierten Haaren, Sträflingskleidung, völlig abgemagert und entkräftet, in einem ständigen Überlebenskampf die Arbeit zu überstehen und an Essen zu kommen, haben sich selbst Angehörige nicht wiedererkannt.

 Die Begrüßung des Lagerkommandanten Rudolf Höss. „Hier gibt es nur zwei Auswege: entweder durch den Strom (das Lager war durch Hochspannungsleitungen abgegrenzt) oder durch den Schornstein“ (das Krematorium). Wenn wirklich jemand versuchte zu fliehen, wurden wahllos eine Reihe von Häftlingen herausgegriffen und aufgehängt. Hierbei mussten die anderen auf dem Appellplatz anwesend sein und zu sehen, im extremsten Fall standen sie in ihrem erschöpften Zustand bis  19 Stunden am Tag.

Und man war ja noch besser dran, wenn man registriert wurde man eine Nummer erhielt, dann wurde man nicht sofort vergast. Auschwitz war Konzentrations- und Vernichtungslager Das Programm hieß: Tod durch Arbeit. Doch es existierte eine minimale Chance doch zu überleben. Vielleicht!

Und daneben die Vernichtungen durch Gas. Im Sommer 1944 von Mai bis Juli (drei Monate) wurden 400 000 ungarische Juden vergast. Alte, Kranke, Schwangere,  Mütter mit kleinen Kindern, wurden sofort vergast. Die SS spannte  bei Kindern hierfür ein Seil. Wer unter 1m 20 groß war, ebenfalls sofortige Vergasung, die anderen wurden zur Arbeit abgesondert. Da die Krematorien die Verbrennungen nicht leisten konnten, wurden die Leichen zusammen mit Holz zu Haufen geschichtet und verbrannt. Über dem ganzen Lager muss eine Geruchswolke aus verbranntem Fleisch und Fäkalien gehangen haben.

Und man weiß: hier, wo ich jetzt stehe, ist es passiert. Wie wird die menschliche Vorstellungskraft lebendig gemacht. Als Historikerin interessiert mich auch die Frage: wie gelingt ihnen das? Auschwitz ist UNESCO Kulturerbe, das heißt sie bekommen sicher ausreichend Zuschüsse. Doch das kann nicht die alleinige Antwort sein. Meine Antwort: Es gelingt ihnen aus anonymenZahlen,  Nummern und Asche wieder Menschen zu machen. Sie arbeiten sehr viel mit Fotos und Filmen. Von den Menschen, die sie unter den Vergasten rekonstruieren können, legen sie Fotos an, sie ordnen Familienfotos zu, von Familienfeiern, Festen, bestandenen Prüfungen. Es gelingt ihnen, dass aus  zugerichtetenTieren wieder Personen werden. Sie rekonstruieren genaue persönliche Details.

Das ist eine hohe Leistung, dazu kam eine Führerin, die uns beide Lager mit Ruhe, Ernst und Würde zeigte, ohne in ein Betroffenheitspathos zu verfallen.

Über der Rampe von Auschwitz / Birkenau tobte orkanartiger Regen, der uns völlig durchnässte und durchfror. Das war ein sehr anschaulicher Geschichtsunterricht. Doch wir hatten im Gegensatz zu den Häftlingen warme Kleidung an und vor allem: eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: „Wir dürfen hier nach einigen Stunden wieder weg gehen.“ Ein 97 -jähriger Zeitzeuge hat unsere Eindrücke in einem Gespräch nochmals vertieft.

Was bleibt? Ich benötigte zwei Tage, um in meiner Realität wieder anzukommen. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war für meine Biographie wichtig, doch einer Konfrontation mit Auschwitz bin ich bisher ausgewichen. Das ist keine Vergnügungsreise, doch ich glaube, ich möchte noch mal hin: vieles habe ich nicht gesehen, manches möchte ich genauer sehen.

 

Vergnüglicher war, dass wir mit Krakau eine wunderschöne polnische Stadt und deren Geschichte erleben durften, Schindlers Fabrik, eine kenntnisreiche Führung durch das jüdische Viertel Kaszimiersch und zum Abschluss eine anrührend literarische Lesung in einer erhaltenen jüdischen Synagoge. Das wirkte wie ein wenig Balsam.

Es war eine meiner eindrucksvollsten Reisen und ich fühlte mich während der Reise getragen von einer optimalen, verständnisvollen Gruppe von generations- - und interkulturell übergreifenden Studierenden des Zweiten Bildungswegs, die sich hierfür Urlaub genommen und Kosten bezahlt haben. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern werden solche Reisen in Baden Württemberg nicht bezuschusst. Ich möchte das auch hier erreichen und stehe in Kontakt mit dem Antisemitismusbeauftragten, dem Kultusministerium und dem Gemeinderat Stuttgart.

Unsere Reise  war nur möglich durch einen sehr großzügigen Zuschuss des Vereins „Helfende Hände“ in Stuttgart, ohne den diese Reise mit 23 TeilnehmerInnen nicht zustande gekommen wäre. Hierfür möchte ich sehr, sehr herzlich danken. Dazu kam zusätzlich eine Unterstützung des Vereins „Wabe“ in Stuttgart. Und bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Czichon,

Veranstalter von east-line, der diese Reise für uns optimal organisiert hat.

Petra Schneider

 




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